Am Mittwoch war ich zum ersten mal im National Theater. Anlässlich der Ghana@50 Feierlichkeiten wird dort in den nächsten Wochen eine Reihe kurzer Dramen von ghanaischen Autoren gezeigt. Das Stück hieß „The Slaves“ (von Mohammed Ben Abdallah) und war sehr interessant.Es ging im großen und ganzen um den westafrikanischen Sklavenhandel. Das Setting war ein Sklavenkerker in einer nicht benannten Festung. Mehrere Sklaven planen einen Ausbruch, der am Ende vereitelt wird. Die Charaktere waren dabei sehr interessant. Es gab den Wärter, dessen Mutter eine Sklavin war, den Krieger, den Priester, eine Frau, die sich dem Wärter sexuell anschmeichelt, also die Kollaborateurin. Mit kraftvollen Aussagen wird ein sehr objektives Bild des Sklavenhandels gezeigt. Kritik wird nicht nur am weißen Mann geäußert, auch an den Schwarzen, die die Nachfrage mit Mengen von Gefangenen bedienen, und an den Arabern, die den Sklavenhandel schon Jahrhunderte vorher kultivierten. Und doch kommt die große Schuld der Kolonialherren durch, die Misshandlung der Menschen, die schlechter als das eigene Vieh behandelt werden, die Massendeportationen, das Plündern einer ihnen fremden Welt. Immer wieder wurde das Stück von Trommeleinlagen, Tänzen und sogar eine Juju-Zeremonie (Voodoo) koloriert.
Noch interessanter war allerdings das Publikum. Ghanaer neigen dazu, sehr expressiv mitzugehen, es wurde viel geschrien und laut gelacht und geklatscht. Das fand ich etwas Schade, weil dadurch die Momente auf der Bühne, die sehr intensiv werden könnten, ziemlich stark aufgeweicht worden sind. Hauptsächlich waren Studenten im Publikum, die ziemlich kindisch waren und zum Beispiel immer gekichert haben, wenn ein Schimpfwort wie F***! gesagt wurde. Auch in einer Szene, in der eine Frau vergewaltigt wurde, ging das so. Naja, andere Länder andere Sitten ;-)
Am Samstag war dann das große Konzert des Goethe Instituts anlässlich des 50jährigen Jubiläums. Das Motto war Burger Highlife. Highlife ist die traditionelle ghanaische Musik, die sich seit den Zeiten der Goldküste entwickelt hat. In den frühen Achtzigern unter dem Rawlings-Regime war es für die Künstler aber sehr schwer sich über Wasser zu halten. Da es abends Ausgangssperren gab, wurden die Auftrittsmöglichkeiten immer geringer. Als einziger Ausweg galt die Emigration. Da die Iron Lady in England die Grenzen dicht gemacht hatte, kamen viele Ghanaer zu dieser Zeit nach Deutschland (in der Tat hatte damals Deutschland die meisten Ghanaer in Europa), die meisten nach Hamburg. Die technischen Möglichkeiten, das relativ große Publikum und die neuen Freiheiten ermöglichten der Ghanaischen Musik den Weg zum „Burger“ (für Hamburg) Highlife.
Das Konzert war absolute spitze. Ich habe mich sehr amüsiert, auch wenn die Reihenfolge der Künstler und die Zahl der Lieder, die sie singen durften, anders organisiert hätte werden können. Gegen Ende war es ein bißchen lang und auch langweilig. Aber alles in allem ein super Abend.
Schon auf den Vorlesungsabenden zum Thema, die im Goethe Institut abgehalten wurden, hat man interessante Einblicke gewinnen können. Vor allem, warum es in der Musikszene hier so düster aussieht. Das hat zwei Gründe. Zum einen gibt es hier zwar Copyrights, aber sie werden nicht gründlich durchgesetzt. Gut, für manche (Sebastian) mag das nicht so schlimm sein, wenn die Künstler ihren Lebensunterhalt nicht mit ihrer Musik bestreiten können, aber Raubkopien und CD-Piraterie nehmen diese Lebensgrundlage weg und die Qualität und Entwicklung leidet darunter. Auch auf der technischen Ebene, denn während in Deutschland ein Lied, das auf CD kommen soll, drei Tage aufgenommen und gemischt wird, hat man hier nur ein paar Stunden Zeit, mehr lohnt sich eben nicht. Zum anderen kommt noch hinzu, dass die Künstler „payola“ zahlen müssen. Das ist die Schmiere, die sie dem Radio-DJ geben, damit der ihre Lieder spielt. Dass dies natürlich die moderne Musikwelt Ghanas aufs äußerste verarmen lässt, liegt auf der Hand.
So viel dazu, aber ich möchte noch zum Abschluß eine kleine Anekdote von unserer Rückfahrt vom Konzert erzählen. Ich war mit Kate (eine etwas dickere Engländerin) und Daniela (Deutsche), zwei Mitbewohnerinnen, im Taxi nach Hause unterwegs, als wir an einer Polizeisperre aufgehalten wurden. Die gibt es in Accra öfters, besonders nachts, aber diesmal war der Polizist mehr an den Passagieren, und weniger am Taxi und seinem Fahrer interessiert. Also kam er ans Auto und leuchtet rein. Nach dem üblichen „Hello, how are you doing...“ kam es dann zu folgendem Dialog:
Polizist (leuchtet auf Kate): Is that your wife?
Ich: No, it’s my sister!
Polizist (leuchtet auf Daniela): And that, is that your wife?
Ich: No, she’s also my sister.
Polizist: I want to buy one of your sisters!
Ich (lachend): Ah, you see, i can’t sell you my sisters, they don’t belong to me!
Polizist (leuchtet wieder auf Kate): I like the big one...I like big tits!
Ich bin sprachlos vor erstaunen und dem Lachanfall, der langsam in mir hochkommt.
Kate (totally annoyed): No, thank you, I’m already married!
Polizist (leuchtet auf Daniela): And you? Are you also married?
Daniela (verängstigt, sie ist noch nicht so lange da): Yes.
Polizist: Ok, go on!
Und seine Taschenlampe winkend gebietet er dem Taxifahrer weiterzufahren. Ich habe mich bis nach Hause nicht mehr eingekriegt vor Lachen ob dieser Dreistigkeit des Polizisten, aber Kate war richtig sauer, auch wenn ich ihr ständig gesagt habe, dass das hier in Ghana doch ein Kompliment sei ;-) Aber beim nochmaligen lesen fällt mir auf, dass die Geschichte in der Nacherzählung etwas langweilig wirkt, das wars aber ganz und gar nicht.
Ja, so war mein Wochenende, ich hoffe, ihr habt auch so interessante Geschichten erlebt, und wenn nicht, dann habt ihr noch gute zweieinhalb Monate Zeit, mich zu besuchen.
Also dann,
Dominik